Aus der Rhein-Zeitung vom 09.04.2019

Aus der Rhein-Zeitung vom 09.04.2019

Von unserem Redakteur Peter Seel

Freier Theologe für Hochzeiten, Begrüßungsfeiern für Neugeborene und Beerdigungen

Hans Jürgen Haase kommt aus dem Allgäu und lebt jetzt in Scheuerfeld – Warum er als Pfarrer aus der evangelischen Kirche ausgetreten ist

Scheuerfeld. Immer mehr Menschen treten in Deutschland aus den beiden christlichen Kirchen aus. Die allerwenigsten, weil sie den Glauben an eine höhere Instanz, an ein Leben nach dem Tod verloren haben oder weil sie die Ideale dieses Jesus von Nazareth – Nächstenliebe, Gleichheit der Menschen vor Gott jenseits irdischen Reichtums – nicht mehr gutheißen. Im Gegenteil: Sie gehen, weil sie das Gefühl haben, dass diese christlichen Ideale in den Konfessionen verraten werden. So ging es auch Hans Jürgen Haase – er verließ die evangelische Kirche in Bayern, obwohl er jahrzehntelang Pfarrer und Religionslehrer war.

Den 73-Jährigen, der im Allgäu geboren wurde, hat es der Liebe wegen ins AK-Land verschlagen, als konfessionsfreier Theologe lebt er in Scheuerfeld bei Betzdorf. In Neuendettelsau und Erlangen studierte er Theologie, von 1975 bis 1981 war er Gemeindepfarrer in Laufach, dann bis 2010 Studiendirektor am Geschwister-Scholl-Gymnasium in Röthenbach an der Pegnitz. 
Haase bietet unter anderem auch professionell Kommunikationskurse für Paare und Einzelpersonen an, doch beruflich ist er hauptsächlich als freier Redner bei Hochzeiten, Taufen, Beerdigungen tätig.
 „Ich habe mich immer in erster Linie als Seelsorger verstanden“, erklärt er im RZ-Gespräch. Zwar stand es in seiner Familie und dem evangelisch geprägten Umfeld mit der traditionellen Gemeindefrömmigkeit früh fest, dass er Pfarrer werden müsse. Das war anfangs auch für ihn selbst keine Frage. Doch dann geriet er mehr und mehr mit der Institution der evangelischen Kirche und mit der gängigen Theologie aneinander – spätestens seit seinem Studium.

„Damals fühlte ich mich so stark zum Pfarrer berufen, dass ich vor nichts Angst hatte. In wenigen Monaten machte ich das Große Latinum und lernte in wenigen Semestern gleich noch Altgriechisch und Hebräisch. Ich muss trotzdem sagen: Heute wäre ich nicht Theologe, sondern Therapeut.“
Als kritischer Theologe lehnte Haase nicht nur die Machtstrukturen der Kirche ab, sondern vertrat auch schon früh die Meinung, dass die Basis der christlichen Kirche „auf einem fragwürdigen Untergrund“ steht: „Immerhin ist der Apostel Paulus der eigentliche Religionsgründer, ohne ihn wäre Jesus vielleicht schon vergessen. Die Neuinterpretation von Paulus bestand in der Erfindung der Erlösungstheologie. Sie besagt: Christus ist für unsere Sünden am Kreuz gestorben. In Wirklichkeit verstand sich Jesus aber als politischer Messias.“

Von den Auseinandersetzungen mit der Kirche, die Haase schon seit Studientagen ausfochte, dauerte es aber noch Jahrzehnte, bis er in aller Konsequenz aus der Kirche austrat. Das war 2013.

Wenn er auf den Punkt bringen sollte, nach welchem Leitsatz die Menschen leben und womöglich glücklich werden können, sagt er: „Findet Euren eigenen Weg, selbstkritisch, aber immer offen und in der Wertschätzung Andersdenkender. Das habe ich meinen Schülern in den mehr als 30 Jahren, die ich Religionslehrer war, von der fünften bis zur 13. Klasse immer wieder gesagt.“

Auch im Westerwald, erklärt Haase, sei der Bedarf an rituellen Feiern, an der einfühlsamen Begleitung von Eheschließungen, Geburten und bei Sterbefällen groß. „Da ist die Ausprägung des christlichen Glaubens nicht entscheidend. Diese Welt wird zusammengehalten durch die umfassende Macht der Liebe – und für mich ist das nichts anderes als Gott.“ Nicht nur aus der Kirche Ausgetretene, sagt er, nehmen seine „Dienste“ in Anspruch, auch viele, die sich in einer kirchlichen Institution nicht mehr zu Hause fühlen. Das seien oft Protestanten oder Katholiken, die schlechte Erfahrungen mit einem Priester oder einer kirchlichen Zeremonie gemacht haben. „Die meisten wollen trotzdem bei Anlässen, die wichtige Meilenstein im Leben sind, nicht ohne Begleitung sein, wollen spirituell sozusagen nicht im Leeren stehen“.

Was er anbietet, sind „Willkommensfeiern“, ähnlich einer Taufe, zu Hause oder an ungewöhnlichen Orten: im Garten eines Hauses, an einem Bachlauf, in einer Burg, in einem Wald. Ebenso kann man ihn für konfessionsfreie Hochzeiten buchen, wobei er die Reden im persönlichen Gespräch mit den Feiernden individuell gestaltet – und auch in englischer Sprache halten kann. Ebenso feinfühlig und auf die jeweilige Person abgestimmt sind auch seine Trauergespräche, Beerdigungsansprachen und auch die Begleitung der Hinterbliebenen nach traumatischen Sterbefällen. Hier ist Haase wieder ganz Seelsorger und Therapeut. „Und das will ich auch sein: Aspekte der Psychotherapie sind hilfreich und oft bedeutend, aber auf religiöse Ansätze möchte ich ebenso wenig verzichten. Zumindest biete ich sie an.“

Dabei kann er auf seine jahrzehntelange Erfahrung als Seelsorger bauen: „Als Gemeindepfarrer mit etlichen Zusatzausbildungen habe ich das ja alles mein halbes Leben lang gemacht. Und es bleibt für mich eine Herzensangelegenheit – auch wenn ich nicht mehr an einem Altar stehe.“

Mehr Informationen bei Hans Jürgen Haase unter Telefon 0176/306 371 63, oder per E-Mail an haasehj@t-online.de und im Internet unter www.freier-redner-bonn-westerwald.de.